Es war kurz nach zwei Uhr morgens, ich lag wieder einmal wach und scrollte ziellos durch YouTube – so wie es Leute mit ruhelosem Kopf eben tun. Dann tauchte dieses Video auf: Dr. Joe Greisser, ein ADHS-Spezialist, spricht über Schlafprobleme bei ADHS. Ich habe erst müde draufgeklickt, dann aber plötzlich sehr aufmerksam zugehört. Denn vieles, was er beschrieb – dieses Nicht-abschalten-Können, der Gedankenkarussell kurz vor dem Einschlafen, das gefühlte Wachsein genau dann, wenn alle anderen längst schlafen – das klang erschreckend vertraut. Ich hatte vorher nicht wirklich den Zusammenhang zwischen ADHS und meinen Schlafproblemen auf dem Schirm.

Warum ADHS und Schlafen so schlecht zusammenpassen

Dr. Greisser erklärt zunächst sehr klar, warum Menschen mit ADHS strukturell anders schlafen als Neurotypische. Es geht nicht um Disziplinlosigkeit oder schlechte Gewohnheiten – sondern um biologische Mechanismen, die das Gehirn eines Menschen mit ADHS grundlegend anders takten. Das hat mich ehrlich gesagt erleichtert, weil ich mich jahrelang gefragt habe, warum ich einfach nicht „normal" einschlafen kann.

  • Das ADHS-Gehirn hat einen verzögerten circadianen Rhythmus – die innere Uhr läuft schlicht nach hinten verschoben.
  • Dopamin- und Noradrenalinmangel sorgen dafür, dass das Gehirn nicht zur Ruhe kommt, weil es ständig nach Stimulation sucht.
  • Der Übergang vom Wachzustand in den Schlaf ist für ADHS-Betroffene deutlich schwieriger, weil das Gehirn keine klare „Stopp-Routine" kennt.

Das Gedankenkarussell hat einen Namen

Greisser spricht von einer sogenannten „hyperaktiven Gedankenaktivität" kurz vor dem Einschlafen – etwas, das ich persönlich nur zu gut kenne. Während neurotypische Menschen abends langsam „runterfahren", dreht das ADHS-Gehirn oft noch einmal richtig auf. Ideen, Gedanken, unerledigte Aufgaben, imaginäre Gespräche – alles ploppt gleichzeitig auf, sobald äußere Reize wegfallen. Das ist kein Einbilden, das ist Neurobiologie. Und das allein zu wissen, hat mir schon irgendwie geholfen, weniger frustriert auf meine schlaflosen Nächte zu reagieren.

Die konkreten Methoden, die Dr. Greisser empfiehlt

Was mich an diesem Video besonders überzeugt hat: Es bleibt nicht bei der Theorie. Greisser gibt ganz konkrete, umsetzbare Empfehlungen, die auf die spezifischen Mechanismen des ADHS-Gehirns abgestimmt sind – keine generischen „Schlafhygiene-Tipps" von der Stange.

Schritt für Schritt zur ADHS-gerechten Schlafroutine

Greisser betont, dass Routinen für Menschen mit ADHS zwar schwer einzuhalten, aber doppelt so wirkungsvoll sind. Der Trick liegt darin, die Routine so zu gestalten, dass sie das Gehirn nicht langweilt, sondern sanft führt. Ich habe das in den letzten Wochen selbst ausprobiert – und tatsächlich merke ich einen Unterschied, vor allem wenn ich die Punkte wirklich konsequent umsetze.

  • Feste Schlafenszeit plus „Wind-down-Phase": Mindestens 45 Minuten vor dem Schlafen keine Bildschirme, keine neuen Inputs – stattdessen etwas Wiederkehrendes, Vorhersehbares (Hörbuch, ruhige Musik, sanftes Stretching).
  • Externes Gedanken-Entladen: Alles, was im Kopf kreist, kurz aufschreiben – nicht um es zu lösen, sondern um dem Gehirn zu signalisieren: „Das ist gesichert, du darfst loslassen."
  • Licht und Bewegung tagsüber gezielt einsetzen: Natürliches Licht am Morgen und körperliche Aktivität helfen, den verschobenen Rhythmus langsam zu korrigieren.

Warum diese Ansätze funktionieren – die Wissenschaft dahinter

Greisser erklärt den Wirkmechanismus seiner Empfehlungen nicht nur oberflächlich. Das Dopaminsystem bei ADHS reagiert besonders stark auf Neuheit und Belohnung – deshalb sucht das Gehirn abends nach Stimulation statt nach Ruhe. Gezielte Routinen erzeugen ein vorhersehbares Muster, das das Belohnungssystem nicht triggert, aber trotzdem eine Art „Sicherheitssignal" sendet. Studien zeigen, dass Menschen mit ADHS im Durchschnitt 1,5 Stunden später einschlafen als der Bevölkerungsdurchschnitt – das ist kein Willensproblem, sondern Biologie.

MethodeWirkungErgebnis
Melatonin (niedrig dosiert)Verschiebt die innere Uhr nach vorneFrüheres Müdewerden möglich
Klassische SchlafhygieneReduziert äußere StörfaktorenWirkt, aber allein nicht ausreichend bei ADHS
ADHS-spezifische Wind-down-RoutineBeruhigt Dopaminsystem gezieltSchnelleres Einschlafen, weniger Gedankenkreisen
„Bei ADHS ist Schlafproblematik kein Lifestyle-Problem – es ist ein neurobiologisches Thema, das gezielt angegangen werden muss. Wer das versteht, hört auf, sich selbst die Schuld zu geben."

Was bleibt

Dieses Video hat meine Sicht auf meine eigenen Schlafprobleme wirklich verschoben. Ich werde nicht von heute auf morgen ein perfekter Schläfer, aber ich habe endlich das Gefühl, die richtigen Hebel zu kennen. Folgendes nehme ich definitiv mit:

  1. Meine Schlafprobleme haben eine biologische Ursache – das nimmt den Selbstvorwürfen den Wind aus den Segeln.
  2. Eine Wind-down-Routine muss ADHS-tauglich sein: kurz, wiederholbar, nicht langweilig, aber auch nicht stimulierend.
  3. Das Gedanken-Notizbuch vor dem Schlafen werde ich konsequenter nutzen – es hilft wirklich, den Kopf zu leeren.
  4. Mehr Tageslicht und Bewegung am Morgen sind keine Binsenweisheiten, sondern direkte Eingriffe in meinen verschobenen circadianen Rhythmus.
FG
Felix

Nach seinem Burnout 2018 und monatelangen Schlafproblemen widmete sich Felix intensiv der Schlafforschung. Seit 2021 schreibt er auf SchlafenTipps.de.

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