Es war mal wieder einer dieser Abende. Halb zwei nachts, ich liege seit Stunden wach, starre an die Decke und frage mich, ob irgendetwas mit mir grundlegend falsch ist. Irgendwann greife ich doch zum Handy – ich weiß, ich weiß – und stolpere über ein Video vom Geschichte Kanal mit dem Titel „Schlaf im Mittelalter". Ich klicke drauf, weil ich denke, das lenkt mich wenigstens ab. Was ich dann zu hören bekomme, trifft mich aber unerwartet hart: Vielleicht bin ich gar nicht kaputt. Vielleicht schlafe ich einfach noch wie ein Mensch aus dem Mittelalter.

Zweiphasiger Schlaf: Das war früher völlig normal

Das Video erklärt zu Beginn etwas, das mich sofort aufhorchen lässt. Im Mittelalter haben Menschen nicht acht Stunden am Stück geschlafen – das war schlicht nicht der Standard. Stattdessen gab es einen sogenannten zweiphasigen oder segmentierten Schlaf, der die Nacht in zwei deutlich getrennte Blöcke aufteilte. Das war keine Störung, sondern gelebte Realität über Jahrhunderte hinweg.

  • Der erste Schlaf begann kurz nach Einbruch der Dunkelheit und dauerte etwa vier Stunden.
  • Danach wachten Menschen für ein bis zwei Stunden auf – ganz natürlich, ohne Panik.
  • Der zweite Schlaf schloss sich an und reichte bis in den Morgen.

Was die Menschen in der Wachphase mitten in der Nacht gemacht haben

Das finde ich besonders faszinierend: Diese nächtliche Wachphase zwischen den beiden Schlafphasen war keine verlorene Zeit. Die Menschen haben gebetet, über Träume nachgedacht, miteinander geredet, manchmal sogar Nachbarn besucht oder leichte Hausarbeiten erledigt. Es gab historische Quellen und Tagebücher – das Video erwähnt das explizit – die belegen, dass diese Zwischenphase als ruhige, fast meditative Zeit empfunden wurde. Kein Mensch damals ist beim Aufwachen in Panik verfallen und hat gedacht, er habe eine Schlafstörung. Es war einfach normal. Diese Erkenntnis sitzt. Wie oft bin ich selbst um drei Uhr morgens aufgewacht und habe mich sofort gestresst, weil ich dachte: „Ich schlafe schon wieder nicht durch. Morgen bin ich ein Wrack." Genau dieser Stress macht alles schlimmer.

Die mittelalterliche Schlafroutine – und was wir daraus konkret ableiten können

Das Video geht auch darauf ein, wie der Alltag rund um den Schlaf im Mittelalter strukturiert war. Ohne künstliches Licht orientierte sich der Körper vollständig am natürlichen Hell-Dunkel-Rhythmus. Das klingt banal, hat aber massive Konsequenzen dafür, wie der Körper Schlafhormone produziert und verteilt.

Was ich aus dem mittelalterlichen Schlafrhythmus für mich mitnehme

Ich habe nach dem Video angefangen, meinen eigenen Umgang mit nächtlichem Aufwachen komplett zu überdenken. Statt ängstlich auf die Uhr zu starren und mich in Gedanken zu verlieren, versuche ich jetzt, die Wachphase als etwas Neutrales zu akzeptieren. Das ist leichter gesagt als getan, aber allein die Tatsache zu wissen, dass mein Körper evolutionär darauf ausgelegt sein könnte, hat den inneren Druck enorm reduziert.

  • Abends frühzeitig das Kunstlicht dimmen – der Körper braucht das Signal, dass die Dunkelheit beginnt.
  • Beim nächtlichen Aufwachen nicht sofort aufs Handy schauen, sondern ruhig liegen bleiben oder leise sitzen.
  • Die Wachzeit nicht als Versagen bewerten, sondern als möglicherweise natürlichen Einschnitt.

Warum unser modernes Schlafideal ein historisches Missverständnis sein könnte

Das Video liefert hier eine spannende These: Das Ideal des ununterbrochenen Acht-Stunden-Schlafs ist relativ jung und hängt eng mit der Industrialisierung zusammen. Als Fabriken Schichtarbeit einführten und künstliches Licht die Nacht verdrängte, musste der Schlaf komprimiert werden. Der Historiker Roger Ekirch, dessen Forschungen im Video zitiert werden, hat hunderte historische Quellen ausgewertet, die alle auf diesen segmentierten Schlaf hinweisen. Die Schlafmedizin beginnt erst langsam, das ernst zu nehmen.

MethodeWirkungErgebnis
Durchschlaf erzwingenErhöht Wachliegedruck und StressMehr Schlafangst, schlechtere Schlafqualität
SchlafmittelUnterdrückt natürliche SchlafphasenKurzfristige Wirkung, keine Lösung
Zweiphasigen Schlaf akzeptierenReduziert Erwartungsdruck, entspannt das NervensystemWeniger Panik, natürlicheres Einschlafen nach der Wachphase
„Was wir heute als Schlafstörung bezeichnen würden, war für Menschen im Mittelalter schlicht der normale Ablauf einer Nacht – das nächtliche Aufwachen war eingebettet in den Alltag und löste keinerlei Angst aus."

Was bleibt

Ich werde das Video sicher nochmal schauen, wenn ich wieder eine dieser Nächte habe. Es hat mir nicht magisch das Einschlafen beigebracht, aber es hat etwas in meinem Kopf verschoben – und manchmal ist das mehr wert als jede Technik.

  1. Nächtliches Aufwachen ist keine Katastrophe und war es historisch gesehen nie – das allein nimmt unglaublich viel Druck raus.
  2. Der ununterbrochene Acht-Stunden-Schlaf ist ein modernes Konstrukt, kein biologisches Gesetz.
  3. Kunstlicht am Abend ist der vielleicht unterschätzteste Feind meines Schlafs – ich arbeite aktiv daran.
  4. Akzeptanz ist eine echte Schlafstrategie: Wer sich nicht gegen das Aufwachen stemmt, schläft schneller wieder ein.
FG
Felix

Nach seinem Burnout 2018 und monatelangen Schlafproblemen widmete sich Felix intensiv der Schlafforschung. Seit 2021 schreibt er auf SchlafenTipps.de.

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