Es war mal wieder 1:30 Uhr nachts, ich lag hellwach im Bett und mein Gehirn hatte beschlossen, dass jetzt der perfekte Moment wäre, sämtliche unerledigten Aufgaben der letzten drei Jahre durchzugehen. Irgendwann griff ich zum Handy – keine gute Idee, ich weiß – und stolperte über dieses Video zu ADHS und Schlaf. Ich hab keine offizielle Diagnose, aber einige Dinge darin haben mich so direkt getroffen, dass ich kurz aufgehört habe zu atmen. Wer kennt das: abends plötzlich hochproduktiv, kreativ, lebendig – und dann kommt trotzdem kein Schlaf?

Das Phänomen: Warum ADHS-Gehirne abends erst aufblühen

Das Video erklärt einen Mechanismus, den viele Menschen mit ADHS – diagnostiziert oder nicht – aus ihrem Alltag kennen, ohne ihn benennen zu können. Das Gehirn folgt zwar einem biologischen Schlaf-Wach-Rhythmus, aber bei ADHS ist dieser Rhythmus oft nach hinten verschoben. Fachleute nennen das eine verzögerte circadiane Phase. Das bedeutet: Der Körper will schlicht später schlafen und später aufwachen – nur erlaubt das der Alltag meistens nicht.

  • Das dopaminerge System, das bei ADHS anders reguliert ist, wird abends aktiver – Reize wirken plötzlich interessanter, Ideen sprudeln, Projekte rufen.
  • Tagsüber kämpfen viele mit Erschöpfung und innerer Unruhe gleichzeitig – abends fällt diese Anspannung weg, und das Gehirn interpretiert das als Freiheit.
  • Die Folge ist ein klassisches Paradox: Man ist müde, aber nicht schläfrig. Der Körper erschöpft, der Geist hyperaktiv.

Der Teufelkreis aus Schlafmangel und Symptomen

Was mich besonders getroffen hat: Das Video beschreibt sehr genau, wie Schlafmangel die ADHS-Symptome am nächsten Tag verschlimmert – und wie diese Symptome dann wieder dazu führen, dass man abends nicht abschalten kann. Man kommt nicht runter, schläft zu spät ein, schläft zu kurz, ist tagsüber reizbar und unkonzentriert, greift vielleicht zu Zucker oder Koffein um durchzuhalten, und abends dreht sich das Karussell von vorne. Ich kannte diesen Kreis aus eigener Erfahrung – aber ich hatte ihn nie so klar als System gesehen.

Das Gedankenkarussell – und was wirklich dahintersteckt

Ein zentraler Teil des Videos widmet sich dem Gedankenkarussell, das viele beim Einschlafen quält. Es geht nicht nur ums Grübeln im klassischen Sinne – es ist eher ein rastloses Springen zwischen Ideen, Erinnerungen, Plänen und absurden Gedankenketten. Das Video erklärt, dass dieses Phänomen bei ADHS direkt mit dem Default Mode Network zusammenhängt – einem Hirnnetzwerk, das aktiv wird, wenn wir gerade nichts Bestimmtes tun. Bei ADHS wird dieses Netzwerk schlechter durch Aufmerksamkeit reguliert, weshalb es sich beim Hinlegen unkontrolliert einschaltet.

Konkrete Gegenmaßnahmen aus dem Video

Besonders hilfreich fand ich die praktischen Ansätze, die im Video vorgestellt werden. Es geht nicht darum, den Kopf zu „leeren" – das funktioniert bei ADHS-Gehirnen schlicht nicht. Stattdessen braucht es eine sanfte Umlenkung der Aufmerksamkeit auf etwas Konkretes, Monotones, leicht Absorbierendes.

  • Abendrituale mit körperlichem Fokus einführen: leichtes Dehnen, eine feste Abfolge von Handlungen – das gibt dem ruhelosen Gehirn eine Struktur.
  • Gedanken aufschreiben, bevor man ins Bett geht – nicht um sie zu lösen, sondern um dem Gehirn zu signalisieren: „Das ist gespeichert, du kannst loslassen."
  • Stimulation bewusst reduzieren: keine neuen Reize nach 21 Uhr, kein Doomscrolling, kein spannender Podcast – also genau das, was ich regelmäßig falsch mache.

Zucker, Dopamin und der Schlaf – der unterschätzte Zusammenhang

Der Teil über Zucker hat mich wirklich überrascht. Das Video erklärt, dass viele Menschen mit ADHS unbewusst zu Süßem greifen, weil Zucker kurzfristig die Dopaminausschüttung ankurbelt – quasi als Selbstmedikation. Das Problem: Der Blutzuckeranstieg am Abend hält das Nervensystem in einem wachen, aktivierten Zustand. Der darauffolgende Abfall kann sogar mitten in der Nacht für Aufwachen sorgen. Studien zeigen, dass Blutzuckerschwankungen den REM-Schlaf messbar stören können.

MethodeWirkungErgebnis
Zuckerreduktion am AbendStabilisiert Blutzucker, dämpft NervensystemWeniger nächtliches Aufwachen, ruhigerer Schlaf
Abendritual mit StrukturGibt ADHS-Gehirn Vorhersehbarkeit, senkt CortisolSchnelleres Einschlafen durch konditionierte Entspannung
Gedanken-Dump vor dem SchlafenEntlastet das Arbeitsgedächtnis, beruhigt Default Mode NetworkWeniger Gedankenkarussell, gefühlte Kontrolle
„Das Problem ist nicht, dass du nicht schlafen willst – dein Gehirn weiß nur noch nicht, dass der Tag vorbei ist. Du musst es ihm zeigen."

Was bleibt

Ich habe dieses Video um fast zwei Uhr nachts angeschaut und danach noch eine Weile wach gelegen – aber diesmal anders. Nicht grübelnd, sondern irgendwie nachdenklich-ruhig. Manches von dem, was erklärt wurde, wusste ich theoretisch. Aber es so klar als System zu sehen, als Zusammenspiel aus Biologie, Gewohnheit und Ernährung – das hat etwas verändert. Ich probiere seit einer Woche konsequent keinen Zucker mehr nach 19 Uhr, und ich schreibe abends fünf Minuten meine Gedanken auf. Noch kein Wunder. Aber etwas besser.

  1. ADHS und Schlaf hängen tiefer zusammen als ich dachte – es ist kein Willensproblem, sondern Biologie.
  2. Das Gedankenkarussell lässt sich nicht stoppen, aber umlenken – und das ist ein riesiger Unterschied.
  3. Zucker am Abend sabotiert den Schlaf auf eine sehr konkrete, messbare Weise.
  4. Ein Abendritual funktioniert nicht als Entspannungsübung, sondern als Signal an ein Gehirn, das klare Strukturen braucht.
FG
Felix

Nach seinem Burnout 2018 und monatelangen Schlafproblemen widmete sich Felix intensiv der Schlafforschung. Seit 2021 schreibt er auf SchlafenTipps.de.

Mehr über den Autor →
Artikel: Einschlafen